20. Jahrhundert bis 1945
Wie ein Katalysator wirkte dann der Bau des Teltowkanals, im Jahr 1906 fertiggestellt und eingeweiht. 1907 erhielt Teltow eine Industriebahn und zwei Jahre darauf einen Hafen mit Drehkran und mit Gleisanschluss. Firmen und Fabriken schossen wie Pilze aus dem Boden. Nach der Porzellanfabrik, noch auf dem freien Felde errichtet folgten bald die Deutschen Asbestwerke und Firma Patermann/Biomalz. Im Jahr 1913 bauten der Betreiber Gustav Lohse eine Seifen und Parfümfabrik und 1920 entstand das sich rasch vergrößernde Werk der Maschinenbau AG Curt von Gruber. Erwähnt werden muss noch das Askania Werk. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hatte sich Teltow, ein bis dahin verträumtes Ackerbürgerstädtchen binnen 30 bis 40 Jahren in eine kleine prosperierende Industriestadt umgewandelt. Ihre Einwohnerschaft zählte um 1920 inzwischen fast 5000 Einwohner.
Neben dem riesigen Sprung und den Vorteilen, die sich nun eröffnet hatten, schuf der Kanalbau gleichwohl einen herben Verlust in ihrer bis dahin reizenden Landschaft. Beide Seen, der Schönower und besonders der Teltower See verlandeten wegen dem ausgeführten Niveau des Kanal-Wasserspiegels, der um ca. 3 Meter sank. Durch die vielen Fabriken und Firmen hatte sich in Teltow in der Weimarer Republik eine verstärkte politisch linke Arbeiterschaft herausgebildet. Das führte in den 1920 Jahren vermehrt zu Klassenkämpfen mit der Reaktion und den Rechten in der Stadt.
Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Schlacht bei Großbeeren wurde 1913 das Kriegerdenkmal am Zickenplatz eingeweiht. Ein Ehrehain für die 155 Teltower Opfer des Ersten Weltkrieges wurde 1927 errichtet.
Anfang der 30er Jahre fanden hier jedoch auch die Nationalsozialisten vermehrt Anhänger. Mit der Machtübernahme 1933 war innerhalb eines Jahres der Magistrat von Nazis besetzt, die Stadtverordneten abgesetzt und mit Verhaftungen unter den Kommunisten und Sozialdemokraten in gewaltsamster Weise Rache genommen.
Die wissenschaftliche Aufarbeitung der NS-Zeit in Teltow erfolgte lange nur punktuell, vor allem, weil der Mythos eines vermeintlichen Brandes im Teltower Stadtarchiv, in Wirklichkeit aber eine gezielte Aktenvernichtung zum Kriegsende oder kurz danach, Forschungen von vornherein aussichtslos erscheinen ließen. Es bedurfte einer langjährigen, aufwendigen Rekonstruktion der Geschichte dieser Zeit durch Quellen aus anderen Archiven, die zu umfassenden Ergebnissen führte. Bislang galt Teltow in den 1920er-Jahren als politisch „rote“ Stadt mit starken sozialdemokratischen und kommunistischen Kräften. Neueste Forschungen zeigen nun ein differenzierteres Bild: Nationalsozialistische Ideen fanden auch hier schon vor 1933 Unterstützung. Die bereits 1926 gegründete NSDAP-Ortsgruppe und weitere NS-Organisationen gewannen schnell zahlreiche Mitglieder. Vor allem jüngere Männer, darunter viele Angestellte und Verwaltungsmitarbeiter, schlossen sich der Partei an. Nach der Machtübernahme wuchs die NSDAP-Ortsgruppe so deutlich, dass 1938 eine weitere Ortsgruppe in Teltow-Seehof gegründet wurde. Bei der Gegnerbekämpfung war die schnell anwachsende SA, zuletzt der Sturm 31/206, als verrohte Schlägertruppe und Hilfspolizei gefürchtet. Die SS, insbesondere der Sturm 7/80, ging ebenso brutal gegen Regimegegner vor. Der SS-Sturm hatte sein Sturmlokal in der Ritterstraße 21, wo sich auch die Geschäftsstelle der SA befand. Er bestand mehrheitlich aus jungen Männern, die beim Eintritt in die SS zwischen 15 und 25 Jahre alt und Arbeiter und Handwerker waren. Politische Gegner wurden verhaftet und in Gefängnisse und Konzentrationslager gebracht, wodurch der Widerstand weitgehend zerschlagen war. Auch die jüdischen Einwohner Teltows waren seit 1933 zunehmender Ausgrenzung, Verfolgung und Deportation ausgesetzt. Zu den Opfern des Terrors gehörten Sozialdemokraten, Kommunisten, zudem Homosexuelle sowie Menschen mit Behinderungen, die den nationalsozialistischen „Euthanasie“-Verbrechen zum Opfer fielen. Unter dem NS-Bürgermeister Curt Pilling wurde Teltow im Sinne des Regimes städtebaulich weiterentwickelt. Infrastrukturmaßnahmen und neue Wohngebiete entstanden, wobei die Stadt auch von der Enteignung jüdischer Bürger profitierte. Das Kriegsende im April 1945 war von Kämpfen, Angst vor Vergeltung der herannahenden Roten Armee, Flucht und zahlreichen Selbstmorden geprägt. Der Wiederaufbau erfolgte zunächst unter sowjetischer Besatzung und dann in der DDR. Erst nach 1989 konnte Teltow an den Freiheiten einer parlamentarischen Demokratie teilhaben.
Am Ende des 2. Weltkrieges 1945 zählte Teltow über 460 zivile Opfer, zusätzlich kamen auch über 44 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene ums Leben. Sie waren eingesperrt in fünf kleineren Lagern in und am Rand der Stadt sowie einem großen Lager im Dralowidwerk, dem ehemaligen Porzellanwerk.
Buchtipp: „» Bereitwillig mitgemacht? « – Teltow im Nationalsozialismus 1933-1945“
Das wissenschaftliche Werk erschien im Dezember 2025 im BeBra Verlag. Die Historikerin und Vorsitzende des Vereins „Geschichtswerkstatt Teltow“, Dr. Gabriele Bergner, forscht seit mehr als einem Jahrzehnt zur Geschichte Teltows im 20. Jahrhundert und widmet sich dabei vorrangig der Betrachtung der Geschichte der jüdischen Bevölkerung in der Region. Unter ihrer Leitung ist das wissenschaftliche Ergebnis einer über zehnjährigen ehrenamtlichen Arbeit einer Autorengruppe entstanden, die sich explizit der Rolle der Stadt Teltow im Nationalsozialismus widmet. Dabei legt Teltow als eine der ersten Städte in Brandenburg den Grundstein für die historische Aufarbeitung und Einordnung der NS-Zeit in der eigenen Stadtgeschichte.
Quellen: Heimatverein Teltow, Frank-Jürgen Seider, Dr. Gabriele Bergner


